Wenn es nur immer so einfach wäre
Bei seinem letzten Besuch wurde der Dalai Lama von unserer Bundeskanzlerin empfangen und anschließend gab es größtensteils Zustimmung aus allen politischen Lagern. Die chinesische Führung war darüber allerdings gar nicht amused und die Führer der deutschen Wirtschaft dürfte es auch nicht so recht gepasst haben. Das war noch, bevor die Tibetkrise eskaliert ist und im Nachhinein meinte so mancher Politiker, mit stiller Diplomatie würde man weiterkommen als mit “Provokationen”. Andererseits könnte Frau Merkel durch solche Aktionen ein Zeichen für die Menschenrechte setzen. Es allen recht zu machen, ist da natürlich unmöglich.
Der deutschen Wirtschaft hat es bisher noch nicht geschadet, aber natürlich wird immer gleich gewarnt, dass man es sich mit den Chinesen nicht verscherzen dürfe. Die Franzosen hat es schließlich schon ein klein wenig erwischt. Nach der Ankündigung von Nicolas Sarkozy, die Eröffnungsfeier in Peking zu boykottieren, wurden gleich mal ein paar Supermärkte von Carrefour gestürmt und zum Boykott französischer Produkte aufgerufen.
Morgen kommt der Dalai Lama also wieder nach Deutschland und Frau Merkel wäre da in Erklärungsnot gegenüber der einen oder anderen Seite gekommen, hätte sie ihn empfangen (oder eben nicht). Aber wie passend, wenn man eine gute Ausrede hat. So eine lang geplante Lateinamerika-Reise ist da natürlich ideal. Man ist aus der Bredouille und schiebt den schwarzen Peter einfach weiter. Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier empfängt den Dalai Lama nun seinerseits auch nicht und muss dafür gleich aus der zweiten und dritten Reihe der CDU Kritik einstecken. Nun kann ich mir aber kaum vorstellen, dass sich Chefdiplomat Steinmeier nicht mit der Kanzlerin abgesprochen hat. Die Entscheidung, dass diesmal kein hochrangiger Politiker den Dalai Lama empfängt, dürfte schon einvernehmlich getroffen worden sein.
So treffen wohl nur ein paar unbedeutende Politiker den geistigen Führer Tibets und Frau Merkel braucht sich weder bei der deutschen Opposition, noch bei den Chinesen zu rechtfertigen. Der Dalai Lama ist trotzdem dick in unserer Presse vertreten und alles bleibt wohl wie zuvor: Die Kanzlerin hebt ab und zu alibimäßig den Zeigefinger in Richtung China um ihn dann gleich wieder hinter dem Rücken zu verstecken. Sie sitzt aus und freut sich insgeheim nur, dass die Wirtschaftsbeziehungen brummen.

Mai 15th, 2008 at 13:34
Was soll denn ein Gespräch mit dem Dalai Lama bringen? Immer wieder lese in ich in Blogs, Foren, etc., dass sich Frau Merkel mit dem Dalai Lama treffen sollte um Druck auf China auszuüben. Die Leute, die so etwas schreiben, waren offensichtlich selber noch nicht hier, wissen aber trotzdem ganz genau bescheid, wie China funktioniert. Wenn man mit Chinesen über diese Angelegenheit spricht, braucht es nicht viel um zu erkennen, dass ein offizielles Gespräch eines hochrangigen Politikers mit dem Oberhaupt einer noch nie und von keinem anderen Staat als selbstständig anerkannten Provinz Chinas, ein diplomatischer Griff ins Klo ist.
Warum? Weil die Chinesen – übrigens auch diejenigen, die die eigene Regierung kritisieren, nicht nur die in deutschen Blogs verteufelten “Partei-Zombies” – ein solches Treffen als direkte Einmischung in Interna ansehen. Das Ergebnis diesen Gesichtsverlustes ist eine immer verbohrtere überzeugung dieses “Problem” zur Not mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu lösen. Hinzu natürlich der oben zitierte Boykott, den ich übr. gar nicht so dramatisch finde. Nie war es entspannter im Carrefour einzukaufen. Auch jetzt noch, wo sich die Aufregung in Europa schon längst wieder gelegt hat.
Selbst wenn man mal die Wirtschaftsbeziehungen ausser acht lässt: Mit jeder dieser (an sich völlig unproduktiven Einmischungen) macht man die Situation für Tibet nur schwerer. Inwiefern glaubt ihr fühlt sich die Chinesen durch solch ein Treffen beeindruckt? Das einzige was hervorgerufen wird ist eine “Jetzt-erst-Recht-Haltung”. Bei Regierungskritikern wie – freunden. Es wird genau das Gegenteil erreicht, von dem, was ihr alle in euren Blogs, Foren und Stammtischen fordert.
Ein Statement, wie es heute in der Zeit zu finden ist,
Rüttgers sagte, er sehe “große Chancen” für eine Verständigung zwischen Tibet und China. Vor dem Hintergrund laufender Gespräche zwischen dem Beauftragten des Dalai Lama und der chinesischen Regierung sei es für Deutschland wichtig, “hilfreich zu sein”, damit diese Gespräche “so fruchtvoll wie möglich, so ergebnisreich wie möglich” würden, sagte Rüttgers.
klingt wie blanker Hohn und demonstriert auf traurige Weise die Unwissenheit und Naivität mit der selbst hochrangige deutsche Politiker anderen Kulturen und Mentalitäten gegenübertreten.
Mai 17th, 2008 at 15:53
@Livinginchina: Mit der fast gleichen Begründungskette kannst Du rechtfertigen, warum man weiterhin Kinder in Familien verhungern lassen sollte.
Mai 19th, 2008 at 09:11
Die Achtung der Menschenrechte, die Wahrung der einzigartigen tibetanischen Kultur und die freie Ausübung der Religion ist ein Grundrecht, das in Tibet Geltung erhalten muss. Dafür sollte man sich auch in der deutschen Politik einsetzen. Ich sehe aber nicht, dass es souveräner Staat Tibet dafür notwendig ist, zumal sich der Dalai Lama selbst ja für ein autonomes Tibet als Teil der Volksrepublik China, zuletzt gestern in einem Fernsehinterview, ausspricht.
Daraus resultiert, dass China und der Dalai Lama einen Dialog führen sollten über die Zukunft der Provinz Tibet, der Dalai Lama aber an sich kein Staatsoberhaupt ist. Er ist aber gleichwohl einer der bedeutensten religiösen Führer der Welt und damit von der Stellung z.B. dem Papst ebenbürtig. Doch wenn dieser nach Deutschland kommt fordert doch auch Niemand, dass Frau Merkel sich mit ihm trifft.
Eine Lösung wird es nur mit China geben, also sollten wir den Dialog mit China suchen anstatt durch den medienwirksamen Empfang des Dalai Lama jede Möglichkeit auf Dialog zu untergraben, weil China dann sein Gesicht verlieren würde.
Mai 19th, 2008 at 09:19
@livinginchina: Das Argument der “Einmischung in innere Angelegenheiten” ist mir aus Zeiten des Kalten Kriegs noch geläufig und wird immer dann benutzt, wenn man nicht zu einer Diskussion bereit ist. In China, wenn es um Tibet geht, geradezu zwanghaft. Es wäre absurd, sich deshalb nicht zu äußern oder mit irgendwem nicht zu treffen.
Mai 19th, 2008 at 10:21
@Dieter&Carl: Danke für die Munition. Deutlicher als durch den Vergleich des Konfliktes China-Tibet mit verhungerten Kindern in Schwerin und den Kalten Krieg hätte man die These, dass sich westliche Medien, Politiker und Stammtische nur unzureichend mit China und den chinaspezifischen Problemem beschäftigen, wohl kaum machen können.
Mai 19th, 2008 at 16:04
@Livinginchina: Pfrrt. Missglückte Propagandarhetorik.
Mai 19th, 2008 at 17:08
[...] beim letzten Empfang des Dalai Lama aus dem Land der Mitte bekam, hatte sie diesmal das Glück, eine gute Ausrede zu haben. Klar könnte man jetzt auch fragen, was sie in Südamerika zu suchen hatte und warum sie [...]