Wahrnehmungsstörungen
Die Fackelläufe in London und Paris sind bereits in die Geschichte eingegangen. Es steht zu erwarten, dass weitere massive Protestaktionen in westlichen Nationen stattfinden werden. In San Francisco bringen sich die Demonstranten bereits in Stellung…
Verständlicherweise reagiert die chinesische Führung nicht mit Sympathie auf diese deutlichen Bekundungen der Stimmung in der westlichen Bevölkerung. Entsprechend sind Begriffe wie “Sabotage” zumindest akzeptabel. Man weiß ja schließlich, wer es sagt;)
Nun aber versteigen sich die chinesischen Offiziellen, sowie deren staatliche Verkündigungsorgane vollends. Chinesische Zeitungen wie die “Global Times” melden “Frankreich hat die heilige Flamme nicht beschützt!” und legen nach “Die Welt hat den irrationalen Extremismus von Teilen des Westens … gesehen.” Sun Weide, der Sprecher des chinesischen Organisationskommittees, bezeichnete die Demonstrationen gar als “Blasphemie“.
Das olympische Feuer als heilig und Demonstrationen gegen den Fackellauf als Gotteslästerung zu bezeichnen, würde man nüchtern als Wahrnehmungsstörung einstufen und vergessen. Damit würde man aber wohl die Intention Chinas missdeuten. Eine derart religiös motivierte Wortwahl kann nur das Ziel haben, die öffentliche Meinung in China weiter zu radikalisieren und lässt keinerlei Spielraum für Hoffnungen auf eine Wende in der chinesischen Menschenrechtspolitik.
Aber auch im Westen gibt es Offizielle, die in ihrer Wahrnehmung der Vorgänge eingetrübt sind. Kevan Gosper, Pressechef des IOC, äußerte, er sei “verzweifelt enttäuscht” über die Vorkommnisse. Nach seiner Auffassung haben die Demonstranten damit massiv ihrer eigenen Sache geschadet. Kein Wort darüber, dass es auch dem Schutz der Symbolkraft der olympischen Fackel dienen könnte, wenn man diese versucht, davor zu bewahren, dass sie in ein totalitäres, an Völkermorden zumindest mittelbar beteiligtes Regime getragen wird.
Ich wünschte mir, dies würde gelingen…

April 8th, 2008 at 11:19
Eklat um Olympische Flamme: IOC erwägt, Fackellauf um die Welt abzublasen…
Das von aller China-Kritik bisher so unbeeindruckte Internationale Olympische Kommittee (IOC) erwägt nach Agentur-Meldungen offenbar, den weiteren Fackellauf um die Welt aus Angst vor weiteren Demonstrationen abzubrechen und ihn ausschließlic…
April 8th, 2008 at 11:32
[...] eine weitere gute Quelle ist der China-Watch-Blog [...]
April 8th, 2008 at 15:45
[...] Frage des Gewissens? Wahrnehmungsstörungen Der Kampf um die Fackel Schreibe einen Kommentar | Trackback [...]
April 8th, 2008 at 17:18
Interessant finde ich auch die mittlerweile recht häufige Tendenz, gerade in eher linken Medien und Blogs, die ganze Kritik an China jetzt in die Propaganda-Ecke zu schieben. Das permanente Schlagwort ist dabei die “gelbe Gefahr”, die angeblich erfunden bzw. neu heraufbeschwört würde. Damit wird dann die Sympathie für Menschenrechte und Selbstbestimmung gleich in die Nähe von Imperialismus und Rassismus gerückt – auch eine Form von Wahrnehmungsstörung.
April 9th, 2008 at 09:52
[...] Im Westen, wie im Osten ist die Wahrnehmung der Proteste schwer eingetrübt. Hier entlang >> [...]
April 9th, 2008 at 10:17
Das Erlöschen der olympischen Flamme wird von offizieller chinesischer Seite einfach geleugnet!
April 9th, 2008 at 12:55
Je nun, die chinesische Regierung wollte die Olympischen Spiele und jetzt hat sie die eben, höhö.
April 9th, 2008 at 17:03
@Shaka: Das ist Interpretationssache. Die Fackel ist halt nur die offene olympische Flamme. Transportiert wird das olympische Feuer aber in einem geschlossenen “Windlicht-artigen” Behältnis. Insofern kann man durchaus berechtigt sagen, dass das olympische Feuer nicht ausgegangen ist. NUr die Fackel brannte halt nicht ständig
)
@SV: Mal sehen, wie lange noch…
April 12th, 2008 at 07:58
Wie lange noch was, Dieter? Die chinesische Regierung wird bestimmt nicht die Austragung der Spiele boykottieren
Außerdem hat China grad für 2009 die “Olympischen Spiele des E-Sport” zugeschlagen bekommen -> http://www.netzeitung.de/internet/969337.html
April 12th, 2008 at 11:25
Ja, hast Recht. Am 9. schien mir die Stimmungslage durchaus wechselhaft zu sein. Nachdem Buenos Aires ruhig verlaufen ist, kann man London und Paris getrost als das Werk “irrationaler westlicher Extremisten” abhaken.