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	<title>China-Watchblog &#187; Menschenrechte</title>
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	<description>Eine Diktatur unter Beobachtung</description>
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		<title>Menschenrechtsverletzungen in China – Die Rolle multinationaler Konzerne</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Apr 2008 06:45:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>China Watchblog</dc:creator>
				<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Textilwirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gastbeitrag von Jochen Gottwald
W&#228;hrend der Proteste der letzten Wochen gegen China habe ich eine zentrale Frage schmerzlich vermisst: „Wie schafft es die chinesische F&#252;hrung, die eigene Bev&#246;lkerung ruhig zu halten?“ Das im Westen gern als Wirtschaftswunderland verschriene China wird noch immer als Januskopf wahrgenommen. Auf der einen Seite die florierende und boomende Wirtschaft, auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Ein Gastbeitrag von <a href="http://www.chinawatchblog.de/gastautor-jochen-gottwald.html" target="_blank">Jochen Gottwald</a></em></strong></p>
<p>W&#228;hrend der Proteste der letzten Wochen gegen China habe ich eine zentrale Frage schmerzlich vermisst: „Wie schafft es die chinesische F&#252;hrung, die eigene Bev&#246;lkerung ruhig zu halten?“ Das im Westen gern als Wirtschaftswunderland verschriene China wird noch immer als Januskopf wahrgenommen. Auf der einen Seite die florierende und boomende Wirtschaft, auf der anderen Seite das t&#246;dlich totalit&#228;re Regime. H&#228;tte es nach Francis Fukuyamas wirtschaftsliberaler Theorie vom Ende der Geschichte nicht schon l&#228;ngst verschwinden m&#252;ssen? „Zunehmender Wohlstand gleich zunehmende Partizipation“, das Credo des politisch motivierten Wirtschaftsliberalismus&#8230; bei China scheint es in brutalst m&#246;glicher Weise versagt zu haben.</p>
<p>Versetzen wir uns zur&#252;ck in eine der hei&#223;esten Phasen des Kalten Krieges, den Beginn der 80er Jahre. China, das politisch l&#228;ngst mit der Sowjetunion gebrochen hatte, war zu diesem Zeitpunkt ein politischer Riese und ein wirtschaftlicher Zwerg. Mit ebenso brachialer Gewalt, wie Mao zuvor das Land in der Kulturrevolution an den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Abgrund gef&#252;hrt hatte, verordnete Deng dem Land nun die staatlich gelenkte Wirtschaftsliberalisierung. Wirtschaftliche Kollektivierung wurde aufgehoben, Preise wurden freigesetzt, Reichtum wurde „in“. Der Anteil der chinesischen Bev&#246;lkerung, der unter dem Existenzminumum lebt, wurde von ca. 50% im Jahr 1980 auf ca.10% im Jahr 2000 gesenkt. So zumindest die offiziellen Zahlen, mit denen sich unsere Global Player gerne br&#252;sten, sobald Kritik an ihren Billigproduktionsstandorten laut wird.</p>
<p><span id="more-42"></span></p>
<p>Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Fernab der Sonderwirtschaftszonen und der Megast&#228;dte leben 900 Millionen Menschen auf den D&#246;rfern, 500 Milionen davon im arbeitsf&#228;higen Alter, von weniger als 2 US$ pro Tag. In Teilen West- und Mittelchinas liegt die Analphabetenquote bei rund 50%. Den 58.000 Bauernunruhen im Jahr 2003 folgten 74.000 Unruhen im Jahr 2004. Von der, der chinesischen Kultur gerne unterstellten, Unterw&#252;rfigkeit gegen&#252;ber staatlicher Obrigkeit ist hier so wenig zu sp&#252;ren, wie von den Aufst&#228;nden bei uns zu h&#246;ren ist. Sp&#252;rbar ist dagegen die Hoffnungslosigkeit der 150 Millionen Nongmingong, der Wanderarbeiter und -arbeiterinnen, die in den Sweatshops der Textil- Computer- und Spielzeugindustrie f&#252;r weniger als 20 Cent die Stunde 14-16 Stunden bis zur v&#246;lligen Ersch&#246;pfung schuften, um nach Schichtende ins Werk nebenan zu trotten und dort die n&#228;chste Schicht zu beginnen.</p>
<p>Ohne das Geld dieser Wanderarbeiter k&#246;nnte die chinesische Landbev&#246;lkerung nicht &#252;berleben, denn sie wird von den &#246;rtlichen Verwaltungsbeamten der Pekinger Regierung bis auf die blanke Haut geschr&#246;pft, um die immensen Bau- und Wachstumsvorhaben in den kapitalistischen Zentren der kommenden Jahre zu finanzieren. Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Antrittsreise nach China &#8211; wohl um der chinesischen Regierung zu verdeutlichen, dass mit dem Wohl und Wehe der beiden Menschenrechtler auch die deutsch-chinesischen Beziehungen stehen und fallen &#8211; symbolisch besuchten Autoren Chen Guidi und Wu Chuntao berichten in ihrem Buch „Zur Lage der chinesischen Bauern“, f&#252;r dessen Recherchen sie jahrelang und teils zu Fu&#223; durch das Riesenreich reisten und das in China offiziell verboten, doch unter der Hand erh&#228;ltlich ist, von bewaffneten Razzien der Gemeindepolizei, von willk&#252;rlichen Verhaftungen und von eingekerkerten und zu Tode gepr&#252;gelten Bauern. Von Familienclans, die &#196;mter in den &#246;rtlichen Schaltstellen der Partei, Verwaltung und Milit&#228;r besetzen und damit regionale, mafi&#246;se Strukturen begr&#252;ndeten.</p>
<p>Es sind die chinesische Landbev&#246;lkerung und die Wanderarbeiterinnen, die den Preis unserer hiesigen „Geiz-ist-Geil“-Gesellschaft bezahlen. Die Einen leben von mancherorts weniger als 60 Euro im Jahr und k&#246;nnen es sich nicht leisten, die Zwiebeln, die sie selbst anbauen, zu essen, die Anderen schuften in den Sweatshops der Billiglohnfertigung unter widrigsten Umst&#228;nden und meist f&#252;r weniger als 1/3 des gesetzlichen Mindestlohns. Allein in der Textilindustrie verletzen und ver&#228;tzen sich t&#228;glich 50-60 Chinesinnen so schwer, dass sie arbeitsunf&#228;hig werden. Die Industrie st&#246;rt das wenig, denn aus den D&#246;rfern der l&#228;ndlichen Provinzen kommen immer neue Arbeitskr&#228;fte nach. Ihre Kolleginnen werden geschlagen, wenn sie den Akkord unterbrechen, an einen Gewerkschaftsbeitritt ist in China ohnehin nicht zu denken.</p>
<p>Ironischerweise wirkt sich gerade in der Textilbranche das gewachsene Interesse der Verbraucher an den Arbeitsbedingungen in der Lohnfertigung negativ aus. Der Verbraucher will Transparenz, also leisten sich mittlerweile alle gro&#223;en Markenhersteller von Adidas &#252;ber Puma bis hin zu Hanes und sogar Fruit of the Loom einen umfangreichen Lieferantenkodex und schlie&#223;en sich zu wohlklingenden aber unn&#252;tzen Organisationen wie der Fair Labor Association (FLA) zusammen. Und sie fordern diesen Kodex auch ein. Aber nat&#252;rlich ohne bereit zu sein, f&#252;r die gestiegenen Standards auch nur einen Pfennig mehr zu bezahlen.</p>
<p>Die Folgen? Die Arbeiterinnen werden nicht mehr geschlagen, Inspekteure schreiten durch wohlorganisierte Arbeitshallen, jede N&#228;herin l&#228;chelt im Inspektionsinterview gl&#252;cklich und lobt das Engagement der eigenen Firma in den Himmel. Was der Inspekteur vor der Anreise nicht h&#246;ren konnte, war die massive Entlassungsdrohung des Werksvorstehers, falls sie auch nur einen Ton &#252;ber die ungerechten Arbeitsbedingungen verl&#246;re. Was er nicht sah, war der dreimonatige Lohnvorenthalt, mit dem der Werksvorsteher sicherstellte, dass die Arbeiterin im Interview auch wirklich nichts sagt, falls sie den Lohn der letzten Wochen erhalten will. Was er nach der Abreise nicht sieht, ist, dass die Arbeiterinnen nun nach 22 Uhr eingesperrt werden, damit sie nicht ins n&#228;chste Werk gehen k&#246;nnen und somit die geforderten 48 Wochenstunden nicht &#252;berschreiten. Wer b&#246;se ist, k&#246;nnte auch behaupten, man wolle sie dadurch an der Flucht hindern. Denn die Arbeiterinnen sind im Grunde rechtlos. Nur 10-20% von Ihnen stehen in einem offiziellen Arbeitsverh&#228;ltnis, doch eine Wohnerlaubnis in der Stadt erh&#228;lt nur, wer auch einen g&#252;ltigen Arbeitsvertrag hat. Und auch die von der FLA angebotenen Beschwerdenummern erreichen leider keine NGO im n&#228;heren Umland, sondern die Konzernzentralen in Herzogenaurach oder New York. Aber immerhin, es ist ja nicht ganz ausgeschlossen, dass sich eine verm&#246;gende und gebildete Wanderarbeiterin dort tats&#228;chlich einmal in flie&#223;endem Englisch beschwert, sofern Ihr Werk eines der gl&#252;cklichen ist, das mehr als 30% des Adidas- oder Puma-Jahresbedarfs konfektioniert. So viel muss man n&#228;mlich schaffen, damit der Hersteller nach FLA-Statuten verpflichtet ist, dort &#252;berhaupt mal nach dem Rechten sehen zu lassen.</p>
<p>Gestiegen sind nicht die Arbeitsbedingungen, sondern lediglich der Druck auf die Lieferanten. Wer die Mindeststandards nicht einh&#228;lt, fliegt. Lieferantenbindung wird in diesem Business ohnehin nicht gro&#223; geschrieben. Wer das Handwerkerportal myhammer.de kennt, kann sich vorstellen, wie es funktioniert. Ein ausgesuchter Pool an Lieferanten, deren Qualit&#228;t man bereits kennt, weshalb auch nicht mehr auf das Preis-Leistungs-Verh&#228;ltnis geachtet weden muss, darf sich solange nach unten bieten, bis es nicht mehr weiter geht und der Billigste den Zuschlag erh&#228;lt. Ein bekannter Versandh&#228;ndler unterh&#228;lt zu diesem Zweck sogar ein eigenes Onlineportal.</p>
<p>Auch die L&#246;hne sind seit Beginn der CSR-Ma&#223;nahmen real weiter gesunken. Man ist ja nun z.B. verpflichtet, den Arbeiterinnen t&#228;glich eine halbe Stunde Pause und ein Mittagessen zu g&#246;nnen. Und nat&#252;rlich tr&#228;gt die Kosten hierf&#252;r nicht das Werk, sondern die Arbeiterin. Und es versteht sich von selbst, dass das Unternehmen f&#252;r das Essen merh verlang, als die Arbeiterin an der n&#228;chsten Stra&#223;enk&#252;che zahlen w&#252;rde. Die Textilfabrik w&#228;lzt also die Kosten, die ihr durch die CSR-Forderungen der Markentextilhersteller entstehen, nicht nur auf die Arbeiterinnen ab, sie verdient auch noch Geld an ihnen. Denn irgendwo muss sich das Gesch&#228;ft mit den europ&#228;ischen und amerikanischen Konzernen ja lohnen, irgendwo muss auch der Stoff f&#252;r die Kleidung bezahlt werden, irgendwo die Farbe f&#252;r den Stoff, irgendwo die Faser f&#252;r das Garn, irgendwo die Pestizide f&#252;r den Anbau. Und wenn der Markenhersteller nicht bereit ist, angemessen zu bezahlen, dann gleichen sich eben die Produktionskosten den Rohstoffkosten an. 0,2 € bekommt der durchschnittliche Baumwollbauer in Burkina Faso f&#252;r 1 Kilo Rohbaumwolle, 0,48 € kostet sie nach dem Entkernen. 0,76 € zahlt der H&#228;ndler in Lomé f&#252;r das Kilo spinnfertiger Baumwolle, das er nach China exportieren l&#228;sst und dort von der Spinnerei durchschnittlich 0,84 € erh&#228;lt. Hieraus kann Garn f&#252;r etwa 2,5 T-Shirts gesponnen werden, die der Markenhersteller in Europa oder Amerika dann durchschnittlich f&#252;r 0,95 € netto das St&#252;ck in den H&#228;nden h&#228;lt. (Der Konsument, der sich hier in Deutschland dieses Markenshirt dann kauft, zahlt um die 20 €, das urspr&#252;ngliche Kilo Baumwolle ist nun also 50 € wert. Nur soviel zu den Gewinnmarchen der Markenhersteller.) Dazwischen liegen Spinnen, F&#228;rben, Weben, Konfektionierung, Transport und Z&#246;lle. Zieht man Zoll und Transport (Faustregel: EK durch 1,17), sowie den Einkaufspreis des spinnfertigen Baumwolle (34 Cent) ab, erh&#228;lt man die durchschnittlichen Verarbeitungskosten innerhalb Chinas f&#252;r ein T-Shirt: 0,47 €. Siebenundvierzieg Cent f&#252;r vier Verarbeitungsschritte, die zumeist noch von vier verschiedenen, gewinnorientiert arbeitenden Firmen vorgenommen werden. Das ist Weltrekord! Arbeit hat in China keinen Preis. Sie kostet durchnittlich nur das Leben. Durchschnittlich deswegen, weil es in China auch noch viel tiefer geht. In Deutschland z.B. werden nach Angaben der Gesellschaft f&#252;r Konsumforschung (GfK) j&#228;hrlich mehr als eine Million T-Shirts f&#252;r 1 Euro brutto verkauft (Verarbeitungskosten f&#252;r den utopischen Fall, dass der Markenhersteller das Shirt zum Selbstkostenpreis abg&#228;be: 38 Cent; unterstellt man eine Herstellergewinnmarge von 30%: 21 Cent).</p>
<p>Dabei ist die Textilbranche noch ein Bereich, der relativ hohe &#246;ffentliche Aufmerksamkeit geniest. Hier gibt es einige unabh&#228;ngige Labels, faire Alternativen und teilweise unabh&#228;ngige Kontrollen. In fast allen anderen Bereichen, wie z.B. der Computer-, Handy-, Unterhaltungselektronik- oder Spielzeugindustrie gibt es diese nicht. Nimmt man die Zahlen und Fakten aus offenen Gesellschaften wie Indien oder Thailand, die es ja mit denselben knausrigen Global Playern zu tun haben, kann man nur erahnen, wie grausam und menschenverachtend die Produktionsbedingungen sind, welche das chinesische Regime noch immer unter dem dichten Mantel des Schweigens versteckt.</p>
<p>Das Regime und die multinationalen Konzerne. Sie bilden eine perfekte Symbiose. Stabil und billig wie ein Schuh von Deichmann, &#252;brigens Mitglied der FLA-&#228;hnlichen Business Social Compliance Initiative (BSCI). Sie tragen sich gegenseitig von einem Rekord zum n&#228;chsten, w&#228;hrend die Einen im Heimatsland rigoros Arbeitspl&#228;tze zugunsten von Aktienkursen vernichten und die Anderen qu&#228;len, foltern und morden. Solange dieses Duett reibungslos funktioniert, wird in China niemand aufstehen und faire Arbeitsbedingungen, geschweige denn eine politische &#196;nderung einfordern. Die Global Player wissen, was sie am chinesischen Regime haben. N&#228;mlich eine stets willige Schar an nahezu kostenlosen Arbeitskr&#228;ften, die verzweifelt genug sind, alles zu tun und alles zu erdulden, um den hungernden Familien in den D&#246;rfern ein paar Yuan zum &#220;berleben schicken zu k&#246;nnen. Nicht so wie der deutsche Proletarier, der sich erdreistet Gewerkschaften beizutreten und angemessene L&#246;hne zu fordern. Und das chinesische Regime liebt die Global Player, die massenweise Arbeit aber wenig Lohn ins Land sp&#252;len. Ein Bauer kann nicht gleichzeitig Philosoph sein hat Aristoteles einst gesagt. Diese Worte, die so elit&#228;r klingen, enth&#252;llen am Beispiel China ihre ganze praktische Weisheit: wer den ganzen Tag und bis zum Umfallen k&#246;rperlich schuftet hat keine Zeit und keinen Nerv zum Denken, hat keine Zeit und keinen Nerv zum Revoltieren, hat keine Zeit und keinen Nerv f&#252;r Alternativen&#8230; er ist vollauf mit &#220;berleben besch&#228;ftigt. Solange die multinationalen Konzerne ihre Gier nach billiger Arbeitskraft nicht m&#228;&#223;igen, solange sitzt das Regime wie zementiert im Sattel. Ernst w&#252;rde es f&#252;r die Regierung erst dann, wenn die Konzerne pl&#246;tzlich anfangen w&#252;rden, existenzsichernde L&#246;hne zu zahlen und den Arbeiterinnen Freiheiten zu gew&#228;hren. Denn dann h&#228;tten die Menschen pl&#246;tzlich etwas, was es zu verteidigen gilt: Eigentum!</p>
<p>Die wirtschaftliche Eliten in den St&#228;dten hingegen, diejenigen also, die bereits Eigentum besitzen, sie haben die Bauern auf dem Land l&#228;ngst vergessen und geniesen die Vorz&#252;ge des grenzenlosen Kapitalismus in Saus und Braus. Als Kollaborateure der multinationalen Konzerne und der Politkader machen sie keinen Hehl daraus, wie sehr sie die ungebildete Masse in den Peripherien verachten. Maos Geist, hier lebt er noch. Die Bauern und Dorfbewohner sind in den Augen der St&#228;dter noch immer die Ausgesto&#223;enen, die, die zur Umerziehung mussten, deren revolution&#228;rer Geist das Land in Gefahr brachte. „Freiheit ist Gefahr!“, nirgends wird dem Leviathan so hingebungsvoll gehuldigt, wie in den K&#246;pfen der chinesischen Elite und wir sollten eines nicht vergessen: trotz der wirtschaftlichen Umkehr anfang der 80er Jahre und trotz der kapitalistischen &#214;ffnung, mit der Ideologie Maos hat China nie wirklich gebrochen. Die Kulturrevolution, Maos „versehentlicher“ V&#246;lkermord, wird in China noch immer nicht als solcher wahrgenommen, sondern als ein gescheitertes Experiment, das nicht mit der Gewissenlosigkeit und Unbelehrbarkeit der Bauern und Freigeister gerechnet hatte. Daraus lernten das Regime und die Elite, dass unterdr&#252;ckt werden m&#252;sse, was nicht umerziehbar ist. In der einzig kritischen Phase, nach Zhou Enlais und dann auch Maos Tod, als Deng Xiao Ping mit der sogenannten „Bande der Vier“, die Zhous und Dengs neuen Weg misbilligten, um die Macht rang, wurde Maos Politik kurzerhand im Sinne seiner vorrevolution&#228;ren, pragmatischeren Schriften reinterpretiert, um den F&#252;hrungsapparat – nicht das Land – wieder auf Linie zu bringen. Die Grundessenz von Maos Philosophie jedoch blieb erhalten: der Mensch ist von Natur aus schlecht und seine politische Freiheit ein &#220;bel!</p>
<p>Es gilt also die, die nichts haben kurz zu halten und die, die viel haben zu hofieren. Ganz &#228;hnlich machen es auch die gro&#223;en Firmen, die sich heute noch erfolgreich gegen einen Betriebsrat wehren. Wer braucht schon Mitsprache, wenn einem das Unternehmen von Sauna, Schwimmbad und Fitnessstudio &#252;ber den privat nutzbaren Firmenwagen bis hin zur „Abendbegleitung“ auf Gesch&#228;ftsreisen alles bietet. Dieser Angestellte wird bestimmt nicht aufschreien, wenn Fu&#223;volk entlassen wird. Seine Stimme braucht die Unternehmensf&#252;hrung nicht zu f&#252;rchten, wenn wieder einmal der Ruf nach einem Betriebsrat laut wird, der dann m&#246;glicherweise entscheiden w&#252;rde, dass doch zugunsten qualifizierter Arbeiter oder h&#246;herer L&#246;hne auf Sauna &amp; Co. verzichtet werden k&#246;nnte.</p>
<p>Vom Gro&#223;en auf&#8217;s Kleine, vom Kleinen auf&#8217;s Gro&#223;e, bestochene Manager, besitzstandwahrende Eliten, multinationaler Konzern, chinesischer Staatsapparat&#8230; wir k&#246;nnten die Analogieschl&#252;sse endlos durchspielen, es w&#252;rde sich immer wieder ein &#228;hnliches Bild zeigen: in China treffen sich zwei freiheits- und ver&#228;nderungsphobische Ideologien, erg&#228;nzen sich perfekt und zeigen auf, was uns in naher Zukunft auch auf globaler Ebene erwarten wird, wenn wir nicht bald die multinationalen Konzerne in die Schranken weisen. Schumpeter hatte recht damit, dass Kommunismus und Kapitalismus als Idealtyp dasselbe Ph&#228;nomen sind. Sie sind beide eine Kultur der Angst vor dem Einzelnen, vor der Zivilgesellschaft. Sie schaffen beide Abh&#228;ngigkeit, Enteignung und Unfreiheit in gro&#223;em Ma&#223;stab. Sie befinden sich nicht an entgegengesetzten Polen, sondern zementieren denselben Endzustand. Wo Allen Alles geh&#246;rt, geh&#246;rt fast Jedem nichts und nur Wenigen Alles! Und wo fast Allen nichts geh&#246;rt und nur Wenigen Alles, geh&#246;rt auch Allen Alles, weil das &#252;brige „Alles“ ohnehin nichts mehr wert ist! So ist das mit Ideologien. Sie n&#228;hern sich ihrem utopischen Zustand immer nur in der schlechtest m&#246;glichen Weise und verharren dann unverwirklicht.</p>
<p>Kommen wir zur&#252;ck auf das Credo des Wirtschaftsliberalismus: „Zunehmender Wohlstand gleich zunehmende Partizipation“. Am Beispiel China zeigt sich deutlich, dass die entscheidende Variable in dieser Gleichung der Wohlstand ist, nicht der Wirtschaftsliberalismus. Zumindest dann nicht, wenn man Wirtschaftsliberalismus auf die Definition eines unbeschr&#228;nkt minimax optimierenden Kapitalismus verengt. Der Kapitalismus als Wertesystem ist feige, zu gesellschaftlichem Wohlstand kommt man aber nur mit Firmen, die den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen, Grenzen auszuloten, Innovation zu wagen&#8230; Der Kapitalismus ist nicht innovativ. Was ist innovativ daran, einen Wettbewerber mit &#228;hnlichem Produkt noch einmal um zehn Cent zu unterbieten? Was ist innovativ daran, Arbeitskr&#228;fte zugunsten des Aktienkurses zu entlassen? Was ist innovativ daran, die Produktion nach China zu verlagern, um den Wettbewerber nicht nur um zehn Cent, sondern gleich um einen Euro unterbieten zu k&#246;nnen? Innovativ w&#228;re, Unternehmergeist zu zeigen und sein Produkt weiterzuentwickeln, um einen Mehrwert vor dem Wettbewerber aufweisen zu k&#246;nnen. Innovativ w&#228;re, in China zu Preisen produzieren zu lassen, die es dem Produzenten erm&#246;glichen, existenzsichernde L&#246;hne zu zahlen, damit sich auch die Arbeiterinnen das Produkt leisten k&#246;nnen, das sie herstellen. Eine Innovationsleistung &#252;brigens, die in Europa den Manchesterkapitalismus beendete.</p>
<p>Doch genau hier liegt die Krux des Kapitalismus. Ein multinationaler Konzern w&#252;rde das niemals tun. Er sch&#228;tzt die Stabilit&#228;t des chinesischen Regimes und weiss genau, was ihm steigender Wohlstand der chinesischen Arbeiterklasse bringen w&#252;rde: zunehmende Forderungen nach Partizipation und damit politische Instabilit&#228;t! Da k&#246;nnte er auch gleich wieder in Kolumbien produzieren lassen. Und er untersch&#228;tzt den Konsumenten, dem er unterstellt, immer nur nach dem billigsten Produkt zu greifen. Dass man sich aber diese Konsumenten durch die Billigangebote, das Abwandern ins Ausland und die damit verbundene, sinkende Kaufkraft &#8211; und damit sowohl wahrgenommen, als auch ganz real &#8211; selbst heranz&#252;chtet, wird in den Konzernzentralen bestenfalls nicht bemerkt, schlimmstenfalls billigend in Kauf genommen. Diese Kultur der Angst vor dem geizigen Konsumenten – so unbegr&#252;ndet und selbsterf&#252;llend sie auch ist – sie hat sich leider durchgesetzt in den K&#246;pfen der Industrie und h&#228;lt mittlerweile nicht mehr nur die multinationalen Konzerne, sondern auch die kleinen und mittelst&#228;ndischen Unternehmen fest umklammert. Alle wollen sie nach China. Das Fatale daran: nicht aus Gier, sondern aus Angst! Angst zu sp&#228;t zu kommen, Angst ansonsten nicht wettbewerbsf&#228;hig zu bleiben. Not macht erfinderisch? Im Kapitalismus leider nicht!</p>
<p>Angst, Angst, Angst&#8230; das Fundament der chinesischen Diktatur und des globalisierten Kapitalismus, es zieht sich nahtlos und schleichend durch die sich verb&#252;rokratisierenden Zentren der wirtschaftlichen Macht. „Der unternehmerische Geist ist tot, es lebe das Kapital!“. Marx und Engels h&#228;tte keinen schlimmeren Sozialismus erdenken k&#246;nnen, als den der heute bereits die Manageretagen beherrscht. Es wird verwaltet, geordnet, gestrichen, geplant, gejammert, Verantwortung wird deligiert, abgew&#228;lzt und abgetan, Innovationen werden abgelegt, abgeheftet und postponiert. Zu teuer, zu riskant, zu aufwendig, noch nicht zeitgem&#228;&#223;&#8230; Unsere Konzernzentralen, ein einziges Irrenhaus b&#252;rokratischen Beamtentums.</p>
<p>Wo ist der Unternehmer, der seine Idee mehr liebt als das Geld, der sein Produkt so sehr sch&#228;tzt, dass er sich traut, daf&#252;r auch einen anst&#228;ndigen Preis zu verlangen und der bereit ist, auch in dessen Ruf zu investieren? Und zwar nicht durch millionenteure Werbung, sondern durch Authentizit&#228;t und Glaubw&#252;rdigkeit. Wo ist das Unternehmen, dass sich aus China zur&#252;ckzieht, weil es die Menschenrechtsverletzungen innerhalb seiner Produktionskette nicht mehr hinnehmen will? Wo ist der Olympiasponsor der aus Protest gegen Chinas Tibetpolitik von seinem Vertrag zur&#252;cktritt? &#8230;nirgenwo auf weiter Flur.</p>
<p>„Panem et circenses“- Brot und Zirkusspiele, sie werden auch diesen Sommer das Chinabild der Global Player beherrschen. Nike, Coca Cola, Apple und Co. werden einfach ein paar Millionen mehr investieren und sich f&#252;r ihre Werbung einen noch besseren Regiseur holen, der einen noch heroischeren, witzigeren, &#228;stethischeren Spot dreht, der noch mehr Kids zum Tr&#228;umen anregt. Definitiv wesentlich billiger und imagef&#246;rdernder als faire L&#246;hne oder die K&#252;ndigung des Sponsorenvertrages. Und im Hochsommer der globalen Nahrungsmittelkatastrophe, die 900 Millionen Menschen im chinesischen Hinterland treffen wird, wie seit Jahrzehnten nicht mehr, werden wir zensierte Bilder aus Peking sehen. Keine Berichte &#252;ber Hunger und Aufst&#228;nde in den Provinzen, keine Wanderarbeiter auf den Stra&#223;en, keine Proteste werden an unsere Augen und Ohren dringen. Wenn Peking feiert, feiert die Welt. Das &#252;brige China wird w&#228;hrend der Spiele abgeschottet sein wie hinter einer hermetischen Schleuse. Niemand, kein ausl&#228;ndischer Privatmann und erst recht kein Journalist wird auch nur in die N&#228;he der D&#246;rfer kommen, daf&#252;r wird das Regime sorgen. Dass es das kann, ist u.a. auch der Verdienst multinationaler Konzerne.</p>
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		<title>Yang Chunlin muss f&#252;r 5 Jahre ins Gef&#228;ngnis</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Mar 2008 16:28:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>StoiBär</dc:creator>
				<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Olympische Spiele]]></category>
		<category><![CDATA[Yang Chunlin]]></category>

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		<description><![CDATA[Yang Chunlin hatte f&#252;r einen offenen Brief mit dem Titel &#8220;Wir wollen Menschenrechte, nicht die Olympischen Spiele&#8221; mehr als zehntausend Unterschriften gesammelt. Er setzte sich auch f&#252;r die Rechte enteigneter Bauern ein, um f&#252;r diese Entsch&#228;digungen zu erwirken. Zu keinem Zeitpunkt hatte er zu irgendeiner Form der Gewalt aufgerufen. F&#252;r diese Vergehen wurde er wegen &#8220;Untergrabung der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Yang Chunlin</strong> hatte f&#252;r einen offenen Brief mit dem Titel &#8220;Wir wollen Menschenrechte, nicht die Olympischen Spiele&#8221; mehr als zehntausend Unterschriften gesammelt. Er setzte sich auch f&#252;r die Rechte enteigneter Bauern ein, um f&#252;r diese Entsch&#228;digungen zu erwirken. Zu keinem Zeitpunkt hatte er zu irgendeiner Form der Gewalt aufgerufen. F&#252;r diese Vergehen wurde er wegen &#8220;Untergrabung der Staatsmacht&#8221; angeklagt und heute in einem 30-min&#252;tigen Prozess zu f&#252;nf Jahre Gef&#228;ngnis verurteilt.</p>
<p>Quelle: <a target="_blank" href="http://www.netzeitung.de/politik/ausland/946577.html">Netzzeitung</a></p>
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