Die kritische Masse
Heute hat die Judo-Kämpferin Yvonne Bönisch erklärt, dass sie aus Protest gegen Menschenrechtsverletzungen in Tibet nicht an der Eröffnungsfeier teilnehmen wird. Sie folgt mit dieser Entscheidung der Degenfechterin Imke Duplitzer, die ihren Verzicht schon vor knapp zwei Wochen verkündet hat. Für die Sportler ist das wohl die vernünftigste Art des Protestes, denn niemand kann ihnen abverlangen, ihre sportliche Karriere aufs Spiel zu setzen. Gerade für die Athleten der “kleinen” Sportarten ist so eine Großveranstaltung enorm wichtig.
Die Frage ist nur, wer bemerkt so einen Protest? Bei den olympischen Sommerspielen 2004 waren 453 deutsche Sportler in Athen dabei. Wie viele davon bei der Eröffnungsfeier anwesend waren, konnte ich leider nicht recherchieren. Erfahrungsgemäß ist es aber so, dass immer eine größere Zahl der Athleten fehlt. Sei es, weil die Disziplin bereits am ersten Wettkampftag stattfindet oder weil der Athlet erst in der zweiten oder dritten Woche dran ist und noch gar nicht angereist ist. Wird so ein Boykott Einzelner bei der Eröffnungsfeier dann überhaupt wahr genommen? In Deutschland sicherlich, in China aber wohl kaum.
Wie hoch ist die kritische Masse? Wahrscheinlich würde es der chinesischen Öffentlichkeit nicht einmal auffallen, wenn die halbe Mannschaft fehlen würde. Ein wirkliches Zeichen könnte man also allenfalls setzen, wenn die komplette Mannschaft zusammen mit der deutschen Fahne im olympischen Dorf bleiben würde. Dafür habe ich allerdings wenig Hoffnung. DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach ist bekannterweise gleichzeitig Vizepräsident des IOC und als solcher wird er sich hüten, so etwas zu organisieren.
