Reduzierte Berichterstattung
Ich will das wirklich nicht auswalzen oder überbewerten. Allerdings ist mir in den letzten Tagen in der Berichterstattung vor allem deutscher, aber auch internationaler Medien aufgefallen, dass die medialen Aussagen eher schwammig, jedenfalls diffus bleiben.
- Die Demonstrantenzahlen werden stets mit einigen Hundert oder einigen Tausend angegeben. Bei jedem anderen Event wird krampfhaft versucht genau zu schätzen. Wieso nicht in diesem Fall? Weil die Zahl sonst zu hoch wäre?
- Im Original englischsprachige Aussagen werden verharmlosend übersetzt. So hat beispielsweise in Deutschland keine Zeitung die Aussagen der chinesischen Offiziellen zur “heiligen Flamme” und zur “Gotteslästerung” wortgleich gemeldet. Warum nicht? Warum will man anscheinend die religiös-radikal motivierte Wortwahl verschleiern?
- Eine 14-Jährige hat ihre Teilnahme am heutigen Fackellauf in San Francisco aus nachvollziehbarer Angst abgesagt. Gemeldet wurde in deutschen Medien, ein Läufer hätte aus Sicherheitsgründen seine Teilnahme gecancelt. Dabei wäre doch sicherlich die Altersangabe wichtig für die Einordnung der Bedeutsamkeit des Vorgangs gewesen. (Update: Noch zwei weitere Teilnehmer haben abgesagt. Näheres weiß ich dazu noch nicht.)
- Zur Stunde läuft der Fackellauf in San Francisco. Weder deutsche, noch amerikanische Medien berichten synchron von den Geschehnissen vor Ort. Man muss Blogs nutzen, um zu erfahren, dass in SF offenbar chinesische Offizielle Pro-Demonstranten mit Bussen in die Region karren lassen. Außerdem erfährt man auf diese Weise auch, dass es entgegen den bisherigen Aussagen der Stadtverwaltung San Franciscos große abgesperrte Bereiche des Weges gibt, in denen sich ausschließlich pro-chinesische Demonstranten aufhalten dürfen. Hmm.
So ist sie, die Welt der konventionellen Medien.

April 10th, 2008 at 08:12
Vielleicht will die “Welt der konventionellen Medien” auch nur gesicherte Meldungen verbreiten?
April 10th, 2008 at 09:27
Na, das wäre dann aber nur ausnahmsweise auf diesen Fall bezogen so. Normalerweise hat die Welt der konventionellen Medien keinerlei Probleme mit spekulativen bis hoch-spekulativen Aussagen.
Im Übrigen wüsste ich nicht, was an Berichten vom Ort des Geschehens ungesichert sein sollte. Die versuchen es ja nicht einmal…
April 10th, 2008 at 11:09
Hast Du konkrete Beispiele über verschleiernde Berichterstattung bei den ö.-r. Sendern? Dann würde ich daraus eine Programmbeschwerde basteln.
Zu der Sperrzone in SF: Weißt Du, ob die ACLU an dem Thema dran ist? Die könnte man darauf mal aufmerksam machen.
April 10th, 2008 at 11:10
[...] Reduzierte Berichterstattung Gesicherte Meldungen und berechtigte Vermutungen [...]
April 10th, 2008 at 11:54
@Jens: Das Neueste von der ACLU ist das hier. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie da nicht dran sind. Das ist in der Bay-Area ein großes Thema gewesen. Selbst im Chronicle finden sich mittlerweile diesbezügliche Aussagen.
Zur Verschleierungstaktik. Such mal in deutschen Leitmedien nach Meldungen ähnlich der folgenden (aus meinem Beitrag “Wahrnehmungsstörungen”):
Chinesische Zeitungen wie die “Global Times” melden “Frankreich hat die heilige Flamme nicht beschützt!” und legen nach “Die Welt hat den irrationalen Extremismus von Teilen des Westens … gesehen.” Sun Weide, der Sprecher des chinesischen Organisationskommittees, bezeichnete die Demonstrationen gar als “Blasphemie“.
Da wirst Du nicht viel finden. In Leitmedien sogar gar nichts.