Gesicherte Meldungen und berechtigte Vermutungen
Zuerst die Meinung: Der gestrige Fackellauf in San Francisco wird als Kapitulation der westlichen Freiheitsrechte gegen die chinesische Menschenrechtspolitik in die Geschichte eingehen. Mit größerer Feigheit hätte man dem Problem nicht entgegen treten können. Anstatt den Fackellauf heimlich durch mehrere, quasi menschenleere Stadtteile zu leiten und die Abschlussfeier abzusagen, wäre eine Gesamtabsage ehrlicher gewesen. Ein Versteckspiel mit dem olympischen Feuer zu veranstalten ist in jeder Hinsicht unwürdig.
Jetzt die gesicherten Meldungen. Nachdem der Lauf planmäßig gestartet war, lief der erste Läufer in eine Lagerhalle. Von dort fuhr eine Motorradeskorte los, der Fackelträger ward aber nicht mehr gesehen. In ungefähr zwei Kilometer Entfernung wurde die Flamme dann dem nächsten Läufer übergeben. Die ursprünglich rund 10 Kilometer lange Route wurde um rund die Hälfte verkürzt, die Abschlussfeier wurde abgesagt und die Fackel wurde am Ende des Laufes direkt zum Flughafen gebracht. Über die massive Änderung der Route wurden nicht nur Demonstranten nicht informiert, sondern auch keinerlei Medienvertreter. Es gibt entsprechend nahezu keine Bilder des gloriosen Fackellaufes durch San Francisco.
Den pro-tibetischen Demonstrantengruppen entlang des Embarcadero stand eine überraschend große Zahl pro-chinesischer Demonstranten gegenüber. Laut San Francisco Chronicle stellten die pro-chinesischen Demonstranten das größte Kontingent. Nanu? Die Antwort ist einfach:
The largest contingent was made up of Chinese supporters who lined police barricades for several blocks north and south of the Ferry Building with billowing red flags. Several said they had been bused in by the Chinese government or sports groups. Nearly 400 people gathered near Pier 39, including five busloads of torch supporters who said they had been brought in from Sacramento by the Chinese Consulate and a cultural group, the Organization of Chinese Americans. The Northern California Chinese Cultural Athletics Federation brought 20 buses with more than 1,000 people from the South Bay and East Bay. [Quelle: San Francisco Chronicle, heutige Ausgabe]
Für alle des Englischen weniger Mächtigen in Kurzform. Das Kontingent war deshalb so groß, weil die chinesische Regierung über das Konsulat und diesem nahestehende Verbände dafür gesorgt hatte, dass Dutzende Busladungen Regierungstreuer aus dem Umland an den Ort des Geschehens transportiert wurden.
Jetzt eine berechtigte Vermutung. Die China-Unterstützer waren offenbar vorher gebrieft worden, (jetzt das Warum) denn sie gingen nach Ankunft sofort in die Ketten. So benutzten sie ihre in überraschend großen Stückzahlen vorhandenen Flaggen als Schlagwaffen gegen die pro-tibetische Symbolik wie Banner und Fahnen und zeigten sich verbal höchst aggressiv gegen die Chinakritiker. Offenbar wollte man für das chinesische Staatsfernsehen Bilder des Überwiegens der pro-chinesischen “Volkesmeinung” produziert wissen.
Wieder ein Fakt. Zumindest in der Nähe des Veranstaltungsortes der geplanten Abschlussfeier ließ die örtliche Polizei keinerlei pro-tibetische Demonstranten zu. Diese wurden sozusagen deportiert, wie beispielswiese Katherine Strickland, eine Einwohnerin San Franciscos, deren Vergehen darin bestand ein Schild mit der Aufschrift “Boycott China” hochzuhalten.
“I thought we were free to demonstrate on the street in San Francisco,” she said.
So kann man sich irren.
