Die blauen Jungs
Die chinesische Regierung überlässt nichts dem Zufall. Als am gestrigen Sonntag das olympische Feuer unter massiven Protesten durch London getragen wurde, traten erstmals offizielle “Fackelbegleiter” des chinesischen olympischen Kommittees in Erscheinung. Insgesamt über 20 Herren in blau-weißen Anzügen mit Olympia-Kennzeichnung begleiteten den Fackellauf, indem sie einen menschlichen Schutzring um den jeweiligen Fackelträger bildeten und sich dabei, wie die Personenschützer hoher Politiker per Knopf im Ohr untereinander verständigten.
Noch immer herrscht Unklarheit über den Status dieser ungewöhnlichen Sicherheitstruppe. Selbst die Londoner Offiziellen können bis zur Stunde keine definitive Aussage treffen. Klar ist, dass die “Fackelbegleiter” keinerlei hoheitliche Gewaltbefugnisse hatten, was angesichts des Umstandes, dass der Fackellauf durch London ging, niemanden wirklich überraschen dürfte. Klar ist weiterhin, dass die “Blue Boys”, wie die englische Presse sie nennt, Teil der offiziellen chinesischen Delegation sind, die das olympische Feuer auf allen Wegteilen begleitet.
Nach Informationen des Guardian haben die Fackelbegleiter darauf zu achten, dass die Fackel intakt bleibt und das Feuer nicht ausgeht. Dabei bewachen die blauen Jungs in Dreiergruppen die Fackel auch nachts, wobei immer einer der Bewacher wach bleiben muss.
Dass die in Formation laufenden Blue Boys ihre Aufgabe sehr ernst nehmen, konnte gestern sogar der britische Premier Brown am eigenen Leibe erfahren. So stellten sich die Fackelbegleiter – wohl in Interpretation ihrer Schutzaufgabe – zwischen die Fotografen und die Fackel, die Brown zwecks Fototaking halten sollte. Auf diese Weise war den Journalisten eben diese Tätigkeit nicht möglich. Unterschiedliche Quellen berichten übereinstimmend, dass es gewisser Überredungskünste bedurfte, die Blue Boys dazu zu bewegen, wenigstens für die Dauer des Photoshootings zur Seite zu treten.
Auch als Siebenkämpferin Denise Lewis die Fackel direkt an den Gewichtheber Ali Jawad, einen Repräsentanten der Paralympics, weitergeben wollte, griffen die “Fackelbegleiter” ein. Die Frage nach dem Warum ist ungeklärt.
Aber nicht nur die blauen Jungs zeigten sich unnachgiebig, auch die Metropolitan Police ließ sich offenbar von den Gepflogenheiten aus dem Reich der Mitte inspirieren. So wurde ein ansonsten friedlicher, tibetisch-stämmiger Demonstrant bereits deshalb festgenommen, weil er ein T-Shirt mit dem Aufdruck “China stop the killing” trug.
Die Times resümiert treffend: “It was a public relations nightmare for London…”
Hauptquellen:
Times: Beijing Olympics: hopes swiftly extinguished by violence and farce
Guardian: China’s ‘flame attendants’ and world’s most guarded relay

April 7th, 2008 at 13:01
[...] Mein erster Text für das China-Watchblog. Bitte hier entlang >> [...]
April 7th, 2008 at 13:23
Herrje, China und Journalismus, das wird wohl nich zusammenpassen. Ist halt auch wieder schön an der Aktion mit den Blaumännern und den Fotografen zu sehen
Sehr schön geschrieben der Artikel btw.
April 7th, 2008 at 17:55
Netter Artikel! Schon ziemlich crazy, dass die die Fackel so sehr bewachen, als wären das Kronjuwelen oder sonstwas. Und natürlich auch gleich einen Tibeter festnehmen, das freut die chinesischen Vorgesetzten – na toll.
April 7th, 2008 at 18:53
Respekt: http://www.netzeitung.de/politik/ausland/964937.html
April 7th, 2008 at 19:37
Der Guardian hat in Paris die Kamera drauf gehalten. Relativ zu Beginn sind die Blue Boys gut zu erkennen: http://www.guardian.co.uk/world/2008/apr/07/france.olympicga...
April 7th, 2008 at 23:24
[...] Beispiel Fleisch). Nichts dramatisch neues, denn immerhin hat die Bild ihr Bildblog, China sein Chinawatchblog (China kann man tatsächlich auch bedeutend nennen, auch wenn das Land an sich kein Medium ist – [...]