Dicke Luft in Beijing
Ein Gastbeitrag von Henning Hünteler
Was als erstes auffällt, wenn man im Sommer aus dem Flugzeug in Beijing oder Shanghai steigt ist, dass chinesische Luft weiß ist. An den meisten Sommertagen sieht Beijing aus wie eine deutsche Stadt am frühen Herbstmorgen. Über der ganzen Stadt liegt ein weißer Schleier, der es nicht erlaubt weiter als 300 m zu sehen. Der Unterschied ist, dass die deutsche Herbstluft kalt und feucht ist, die chinesische warm und schwül. Kein Nebel liegt über der Stadt, sondern dichter, weißer Smog. Woher er kommt kann ich nicht sagen. Die Ursachen dürften vermutlich am fehlenden Wind im Sommer liegen, am enormen Stromverbrauch durch die vielen Klimaanlagen, Fabriken in und um die Stadt herum, den vielen Autos, der sorglosen Art mit Energie umzugehen. Diese Liste ließe sich wohl noch lange fortsetzen, aber eigentlich möchte ich mir nicht übermäßig Gedanken darüber machen, was ich da Tag für Tag einatme. Dabei ist der Smog gar nicht mal das schlimmste. Im Frühjahr bläst der Wind aus der nahe gelegenen Wüste Sand in die Stadt und die Luft färbt sich gelb. Knirschen in den Zähnen und eine feine Staubschicht auf der ganzen Stadt sind da wohl nur die harmloseren Auswirkungen.
Das Ergebnis dieser Verschmutzung ist eine andauernde Müdigkeit, bei mir selber und bei Freunden und Bekannten, mit denen ich darüber geredet habe. Laut Aussage des deutschen HNO-Arztes bei dem ich gestern wegen einer Nebenhöhlenentzündung war, verlaufen Erkältungskrankheiten hier i.d.R. deutlich länger und unangenehmer als in Deutschland – wobei das auch am feucht-warmen Klima liegen kann. An schlimmeren Tagen kommt es schnell zu Kopfschmerzen und leichtem Unwohlsein. Und bisher kann ich nur die kurzfristigen Auswirkungen beurteilen. Ich weiß leider nicht genau, ob es Untersuchungen über den Beitrag der Verschmutzung an der etwas kürzeren Lebenserwartung in China gibt. Sicherlich tragen die ärmlichen Lebensumstände gerade in ländlicheren Gegenden, oft harte körperliche Arbeit nicht unter 60 Stunden pro Woche und eine nicht optimale medizinische Versorgung bei sehr schwachem Versicherungsschutz ebenfalls ihren Teil dazu bei, aber wer die Luft hier schon mal gesehen hat, wird mir zustimmen, dass es auf Dauer nicht gesund sein kann, hier zu leben.
Interessant ist, dass die dramatische Umweltverschmutzung den Menschen zwar sehr bewusst ist, jedoch der Schluss, dass man durch den eigenen Lebensstil etwas daran ändern kann oft weit entfernt liegt. Wenn ich Chinesen erzähle, dass es bei meiner Arbeit um Umweltschutz geht, stimmen alle überein, dass die Verschmutzung in China ein ernstzunehmendes Problem ist und viel getan werden muss. Trotzdem schauen die meisten irritiert, wenn ich im Supermarkt sage, dass ich keine Plastiktüte haben möchte, weil die Tüten in China ein großes Problem darstellen. Die meisten Kühlschränke und Klimaanlagen haben einen ähnlichen Energieklassenaufkleber wie in Deutschland. Anders als bei uns zeigt der jedoch meistens die tiefrote Klasse 5 an. Wer ein Auto hat benutzt es auch, selbst für kurze Distanzen und ein Bewusstsein für Mülltrennung gibt es auch fast nicht. Kurzum: Ein Gespür dafür, dass jeder einzelne einen Beitrag leisten kann, gibt es nicht.
Auf der anderen Seite hat die Regierung das Problem begriffen. Auch wenn die Bereitschaft etwas zu tun noch nicht überschwänglich groß ist, rückt die steigende Verschmutzung der Gewässer, Luft und des Bodens weiter ins Bewusstsein vor. China hat zwar gerade in Japan zusammen mit Indien eine weitreichende Klimagasreduktion abgelehnt, im Land selber wurden jedoch mittlerweile Gesetze erlassen und Entscheidungen getroffen, die erkennen lassen, dass man die Probleme langsam erkennt. So versucht die chinesische Regierung z.B. die Umsetzung des Kyoto-Protokolls deutlich zu vereinfachen. Da es im Rahmen des Kyoto-Protokolls zu einer Art Entwicklungshilfe kommt, sind diese Maßnahmen, zwar nicht ganz uneigennützig zu sehen, aber z.B. die zur-Verfügung-Stellung von genauen CO2-Werten des Stroms, den man in den verschiedenen Regionen Chinas vom Netz beziehen kann, erleichtert die Arbeit in diesem Bereich enorm und sorgt für eine schnellere und effektivere Umsetzung des Protokolls.
Seit dem 1. Juni ist die Produktion der 0.1 mm dünnen Plastiktüten Landesweit verboten und das kostenlose Verteilen in Supermärkten oder ähnlichem ist auch nicht mehr möglich. Am Anfang war ich sehr skeptisch, ob man dieses Gesetz effektiv durchsetzt, aber es scheint zu funktionieren. Es werden nur noch dickere, wieder verwendbare Tüten herausgegeben, und immer öfter sieht man Menschen ihre eigenen Taschen zum einkaufen mitbringen. Zwar ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber zumindest ist es ein Anfang.
Während ich im Urlaub in Deutschland war, wurden die staatlich fixierten Preise für Benzin um 15ct angehoben. Ob diese Maßnahme erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten, aber die chinesischen Medien sind zur Zeit voll mit Berichten, die in positivem Ton darüber schreiben, dass viele Menschen seit der Preiserhöhung öfters mal den Bus benutzen und das Auto zu Hause lassen. Auf den Beijinger Straßen merkt man davon zwar noch nichts, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht ganz auf, dass es Umdenken im Gange ist.
Gerade mit den bevorstehenden Olympischen Spielen in Beijing lassen sich schon in dem einen Jahr das ich nun hier lebe, deutliche Veränderungen erkennen. Die meisten davon sind leider nur kurzfristiger oder verlagernder Natur wie z.B. die Verschiebung von Schwerindustrie aus der Stadt heraus, die Schließung vieler Fabriken während den Olympischen Spielen oder die tageweise wechselnde Fahrerlaubnis für Fahrzeuge mit geraden und ungeraden Nummernschildern. Auch, wenn es vielleicht etwas naiv ist hoffe ich aber, dass diese Zwangseinführung von Fahrgemeinschaften und autofreien Tagen bei einigen Menschen ein Umdenken bewirkt. Hinzu kommt, dass das bisher völlig unzureichende U-Bahnnetz von bisher 2 auf 7 Linien erweitert wurde und diese bessere Verkehrsanbindung den Verkehr auf Beijings Strassen vielleicht auch ein wenig reduzieren kann.
Insgesamt ist die Verschmutzung in China also ein sehr ernstes Problem. Sie verursacht wirtschaftlichen Schaden und wirkt sich schädlich auf die Gesundheit eines Jeden aus, der hier lebt. Ein Bewusstsein für Umweltschutz und den eigenen Beitrag hierzu ist bisher nur unzulänglich verbreitet. Besonders von Regierungsseite beginnt man allerdings langsam dieses Problem zu erkennen und - wenn auch erst nur zögerlich – etwas zu tun. Dass diese Maßnahmen bisher völlig unzulänglich sind steht außer Frage aber Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Das Bewusstsein für diese Probleme ist in Deutschland auch nicht von heute auf morgen gekommen und wie alle Veränderungen, die eine ganze Bevölkerung betreffen – erst recht wenn sie aus fast 1,4 Mrd. Menschen besteht – wird auch diese viel Zeit in Anspruch nehmen. Wie bei einigen anderen Veränderungen, die die westliche Welt von China fordert, vergessen wir oft, dass wir selbst sehr lange gebraucht und solche Reformen Stück für Stück eingeführt haben um zum jetzigen Stand zu gelangen. In China kommt erschwerend hinzu, dass wir jahrelang einen hoch entwickelten aber dekadenten Lebensstil vorgelebt haben und so eine schöne neue Welt aufgebaut haben, die sich China nun auch erarbeiten möchte. Ein echtes Bewusstsein für Umweltschutz – und die Bereitschaft ihn zu praktizieren – zu wecken, wird hier noch lange dauern und kann – meiner Meinung nach – nur funktionieren, wenn die westliche Welt ihre Streitereien auf diesem Gebiet beiseite legt und endlich mit gutem Beispiel voran geht. You’ve got to practice what you preach!

Juli 13th, 2008 at 10:56
Dicke Luft in Beijing…
Was als erstes auffällt, wenn man im Sommer aus dem Flugzeug in Beijing steigt ist, dass chinesische Luft weiß ist. An den meisten Sommertagen sieht Beijing aus wie eine deutsche Stadt am frühen Herbstmorgen. Über der ganzen Stadt …
Juli 15th, 2008 at 21:22
Ich stelle mir das Übel vor. So viel schlechte Luft auf einmal einatmen… oder den Wüstensand im Munde zu haben, weil es einfach nicht zu ändern ist
Juli 17th, 2008 at 03:13
Da muss ich wohl noch mal eine Korrektur anbringen: Seit vergangenem Samstag, also jetzt schon der 6. Tag, ist das Wetter erstaunlich gut. So gut sogar, dass ich von meinem Buero in der Ostseite der Stadt die Berge weit im Westen sehen kann. Vermutlich ist jetzt das Wetterkontrollprogramm fuer die Olympiade angelaufen
Juli 30th, 2008 at 19:40
#3 hört sich doch irgendwie nach zensur an oder?
Juli 31st, 2008 at 02:58
Eine Sache werde ich wohl nie verstehen. Wenn man in der deutschen Blog- und Kommentarlandschaft etwas gutes ueber China schreibt, und wenn es nur die ziemlich unparteiische Beobachtung ist, dass das Wetter gut ist, geht die Wahrscheinlichkeit, dass man mit Zensur-, Regiemekorrumption- oder Weltfremdheitsvorwuerfen bedacht wird, mit t gegen 1.
Ich habe von Anfang an geschrieben, dass der Artikel (das schliesst meine Kommentare mit ein) nur meine persoenlichen Beobachtungen wiedergibt. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich sage, dass das Wetter gut ist, musst du mir das einfach mal glauben. Oder komm her und bilde dir dein eigenes Urteil.
P.S.: Heute ist es nebelig. (Diesmal ist es wirklich Nebel, es hat die ganze Nacht geregnet). Soll ich ein Beweisfoto machen?
August 18th, 2008 at 22:01
Also die ganzen Befürchtungen wegen sportuntauglichkeit bei der Olympiade scheinen sich mal in (reine) Luft aufgelöst zu haben.
Ich hab das Gefühl, dass, nachdem Europa und USA jahrzehntelang auf Teufel komm raus die Umwelt verschmutzt haben nun jede mehr oder weniger große (oder kleine) Verschmutzung duch China plötzlich besonders am Pranger stehen.
Nach dem Motto: Wei haben zwar alles kaputtgemacht was kaputtzumachen ist, wollen uns aber nun ändern und daher müssen nun alle anderen auch unsere inzwischen als notwendig erachteten Standards einhalten.
Und was noch dazukommt – China soll nach unseren Wünschen zwar möglichst perfekt und sauber produzieren aber bitte weiterhin zu solchen Billigstpreisenwie bisher.