Besonnenheit und Mäßigung
Mit dem Background einer westlichen Erziehung und randgefüllt mit teils sogar überzogenen Vorstellungen, wie persönliche Freiheitsrechte ausgestaltet sein müssen, lässt sich China im Handumdrehen in Bausch und Bogen verdammen. Sehr schnell sind die Befürworter der olympischen Spiele 2008 mit Regimetreuen gleichgesetzt und die Pro-Tibet-Aktivisten gehen weitgehend kritiklos als das personifizierte Gute durch. So einfach sollte man sich jedoch weder die eine, noch die andere Beurteilung machen.
Die Befürworter der olympischen Spiele sind, soweit es sich um im Ausland lebende, beispielsweise studierende Chinesen handelt, vermutlich in ihrer absoluten Überzahl einfach Menschen, die sich darüber freuen, dass die Spiele in ihrem Heimatland stattfinden. Das ist in keiner Weise inakzeptabel, noch sonstwie kritikwürdig. Es ist vielmehr zutiefst verständlich.
Auch die Überzeugung, dass man die Spiele nicht mit politischen Fragestellungen vermischen sollte, ist nicht ungewöhnlich. Besonders dann nicht, wenn man bedenkt, dass die Trennung scheinbar homogen zu betrachtender Vorgänge und Abläufe auch im Westen seit langem Usus ist. Ich erinnere beispielhaft an den Friedensnobelpreis für Jasir Arafat.
Die Gegner der Spiele oder besser die vermeintlichen Gegner der Spiele oder besser die vermeintlichen Gegner der Spiele an dem gegebenen Austragungsort sind indes ebenfalls nicht in Gänze von moralisch-ethisch einwandfreien Motivationen und eben solchen Verhaltensweisen geprägt. Die durchaus deutlich gewaltsamen Protestaktionen im Rahmen des Fackellaufes, auch wenn man gern die Reinheit der Zielsetzung befürworten will (sich dabei aber irren könnte), können nach westlichen Vorstellungen von angemessener, demokratischer Meinungsäußerung keinesfalls als akzeptables Mittel zum Zweck durchgehen.
Insbesondere die körperlichen Übergriffe auf die paralympische Fechterin Jin Jing, die in Paris die Fackel im Rollstuhl sitzend trug, sind auf das Schwerste zu verurteilen. Demonstranten hatten – letztlich erfolglos – versucht, der Behinderten die Fackel gewaltsam zu entreißen und sie dabei an Gesicht und Beinen verletzt. In China wird Jin Jing deshalb als Heldin verehrt. Die Staatsmedien bezeichnen sie als den “lächelnden Engel im Rollstuhl” und nutzen den Vorfall gezielt zur Propaganda. Zu Recht, möchte ich anfügen, wenn auch sicherlich in dieser Hinsicht offenbar übertrieben wird, wobei sich Frau Jing stets sehr gemäßigt und menschlich äußert. Westliche Medien haben den Vorfall in der Regel nicht einmal aufgegriffen.
Resetted man seinen bisherigen Meinungsmesser bezogen auf Peking 2008 einmal und denkt neu über das Thema nach, stellt man relativ schnell fest, dass hier mindestens ein Medienkrieg zu beginnen, wenn nicht gar in vollem Gange zu sein scheint. Geführt mit allem, was Medien widerlich macht. Falsche Berichterstattung, wie diejenige über die mindestens 1,90 Meter großen Mordmaschinen in den blauweißen Trainingsanzügen mit den mysteriösen Gürteltaschen, weglassende Berichterstattung, wie das Ignorieren der Übergriffe auf eine behinderte Sportlerin. Auf der chinesischen Seite dann die völlige Überhöhung desselben Vorfalles, die religiös-motivierte Rhetorik mit Begriffen wie Blasphemie oder die Schmähung westlicher Zeitungen als “Goebbels Nazi-Medien“.
Es ist selbst für klar denkende Westeuropäer mit einigermaßen scharfem Verstand schwer, sich dieser Manipulationsmaschinerie nachhaltig besonnen zu widersetzen. Gelogen wird immerhin auf beiden Seiten. Wie so häufig liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Dafür spricht zumindest die Statistik.
Diese Betrachtung ist nicht ganz risikolos, kann sie doch falsch sein. Aber sie erlaubt uns wenigstens ein Festhalten an Kardinaltugenden. So bleibt man bei alldem Mensch.

April 11th, 2008 at 17:05
[...] Weiterlesen im China-Watchblog >> [...]
April 11th, 2008 at 17:28
Betrifft Tibet, China, die Olympischen Spiele und alles…
Täglich erreichen mich Anfragen von Tibetfreunden und von mehr oder weniger harten Verteidigern der chinesischen Regierung, mich im aktuellen Konflikt jeweils auf ihre Seite zu schlagen (”Mach doch mal was zu…”) oder es wird gleich m…
April 11th, 2008 at 17:57
[...] hat eben ein gutes Statement zur derzeitigen Situation im Medienkrieg zwischen China und der westlichen Welt abgegeben. [...]
April 11th, 2008 at 19:45
Danke. Trotz einiger Artikel, mit denen ich nicht ganz einverstanden war, hat es sich doch ausgezahlt eucher Blog weiterhin zu verfolgen. Asche auf mein Haupt, einen solchen Artikel hatte ich hier schon (fast) nicht mehr erwartet. Wenn ich in vorherigen Kommentaren etwas zu harsch war, möchte ich mich dafür entschuldigen.
April 11th, 2008 at 20:49
@Livinginchina: Ich habe keine Probleme mit Härte. Im Gegenteil
April 11th, 2008 at 23:49
Die “Wahrheit irgendwo in der Mitte” ist tatsächlich ein nicht ganz unproblematischer Allgemeinplatz. Der Spruch impliziert schließlich, daß man den staatlichen Medien Chinas genauso trauen kann wie den freien westlichen. Die Wahrheit liegt für mich eher in der Mitte der zahlreichen unabhängigen Nachrichtenquellen, die uns so zur Verfügung stehen.
April 11th, 2008 at 23:53
Ich würde eher sagen, dass man den staatlichen Medien Chinas genauso WENIG trauen kann wie den freien westlichen. Die Unabhängigen sind gar frei jeglicher Evaluation. Da geht es um Glauben.
April 12th, 2008 at 09:47
Ein ganz hervorragender Bericht, den ich sofort unterschreiben kann.
Denn wenn auch das Unverständnis über die chinesische Vorgehensweise groß ist,
wir müssen es nicht mit den selben Mitteln und in “Bausch und Bogen” zurückgeben. Und schon gar nicht mit tätlichen Angriffen auf Menschen.
Denn, wenn wir hier und anderenorts Tibet verteidigen, worauf es letztlich herausläuft, sollten wir uns immer fragen, wie es ein Tibeter machen würde. Oder ganz speziell die Tibetische Leitfigur
Und derlei Aktionen zählen garantiert nicht dazu !
April 12th, 2008 at 11:27
Nur der Vollständigkeit halber, Joerg: Die tätlichen Übergriffe auf die behinderte Sportlerin wurden durch Tibeter, jedenfalls tibetisch-stämmige Demonstranten begangen.