Besonnenheit, Part 2
Vorschnelles, unreflektiertes Handeln ist nichts, das man im Mediengeschehen gebrauchen kann. Besonnenheit ist in der Regel viel angebrachter. Würden unsere Leitmedien sich an diesen einfachen Grundsatz halten, bräuchten sie heute nicht reihenweise zu dementieren.
Dabei gebe ich zu, dass auch ich gestern ob der dpa-Meldung, dass alle ausländischen Studenten China zur Olympiade verlassen müssen, versucht war, spontan ein Pamphlet raus zu schießen. Bereits nach kurzer Recherche erschien mir aber die Faktenlage für ein derartig definitive Aussage zu schwammig. Obschon in deutschen Medien stets von “mehreren Universitäten und Diplomaten” gesprochen wurde, ließen sich nachhaltig bloß zwei Universitäten verifizieren, die – dann aber auch wieder nur angeblich – solche Aussagen getätigt haben wollten.
Schnell wurde aus der Schätzung des DAAD, “mehrere zehntausend ausländische Studenten” gebe es in China eine Faktenbehauptung. Klar, dass es dramatisch klingt, wenn man – wie die Süddeutsche- schreibt: “Im Juli und August müssen mehrere zehntausend ausländische Studenten China verlassen.” Nur wahrer wird es durch diese Dramatik leider nicht. Übrigens: Es gibt lediglich rund 1500 deutsche Studenten in China.
Heute wird nun also zurückgerudert. Und zwar, das ist das Interessante, im Prinzip unter Berufung auf die gleichen Quellen, insbesondere den DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst). Von einer solchen Regelung sei nichts bekannt, ließ dieser verlauten. Wie es dazu kommen konnte, dass die dpa den Dienst zuvor mit der Angabe zitierte, dass im Sommer mehrere zehntausend ausländische Hochschüler China verlassen müssten, ist unklar. Der dpa wahrscheinlich nicht, mir schon.
Der Medienkrieg geht weiter…

April 18th, 2008 at 10:38
[...] Näheres im Chinawatchblog >> [...]
April 18th, 2008 at 12:03
Wenn man ständig die Medien und die Politik in China (zwar zurecht) anprangert, kann man sich solche Patzer nicht leisten. Ss zeigt sich einmal mehr, dass die “Qualitätsmedien” auch nur voneinander abschreiben.
April 18th, 2008 at 12:35
Screenshot für die Zweifler (Unter dem obigen Link war gestern eine andere Meldung online):
http://www.flickr.com/photos/dpetereit/2422289789/
April 18th, 2008 at 14:15
[...] dass sie zu schlecht recherchieren oder zu subjektiv schreiben. Was bitte ist das denn? Ein paar mehr Gedanken dazu von Dieter im China-Watchblog. Tags für diesen Artikel: Enten – SpOn – [...]
April 19th, 2008 at 04:48
Darüber, wie es dazu kommen konnte, dass der DAAD zweimal mit unterschiedlichen Aussagen zitiert wurde, habe ich gerade einen Beitrag geschrieben. Eine traurige Sache die kein gutes Licht auf die DPA wirft.
April 21st, 2008 at 04:23
So frei, wir wir uns das doch so gerne schöndenken, sind unsere Medien nunmal gar nicht. Nachrichten sind ein sehr profitables Geschäft und ein hart umkämpfter Markt.
Der Werberubel rollt mit jedem Online-Klick bei Spiegel & Co. Deshalb muss man sich auch nicht wundern, wenn renommierte Blätter heute vor allem online manchmal Headlines von Breaking News abschießen und man sich anschließend, wenn man des zugehörigen Text kritisch liest, bereits wundert, wo jetzt eigentlich die tiefergehende Information steckt. Dabei schreibt dann einer vom anderen ab (ein guter Grund wieso es dann am Ende auch keiner gewesen ist) undtoppt den anderen nur noch, indem er vor allem die Headline entsprechend aufbohrt.
Im übrigen muss man sich nur mal mit den aktuellen Offenbarungen auseinandersetzen, wie die Bushadministration die amerikanischen Medien vor dem Irak-Krieg manipuliert hat, um das Bild von den angeblich so freien Medien zu komplettieren. Ich würde dringend davon abraten, sich allzu sicher zu wägen, die europäischen und insbesondere die deutschen Medien wären vor so etwas gefeit. Selbst bei sog. NGOs wie “Reporter ohne Grenzen” wäre ich sehr kritisch, inwieweit sich diese, ob nun wissentlich oder unwissentlich, hin und wieder vor den Karren spannen lassen (googlen nach “Reporter ohne Grenzen” und “CIA”).
Sicher, die Pressefreiheit ist ein Eckpfeiler unserer Demokratien im Westen, aber man sollte deshalb auch der westlichen Presse nicht blind vertrauen, vor allem dann, wenn diese allzu gefällig einem Meinungsmainstream huldigen.
Das es in China keine Pressefreiheit gibt, weiß jedes Kind hier im Westen und vermutlich wissen das auch so ziemlich alle Chinesen. Letzteren unterstellt man jetzt gerne ebenso selbstgefällig, sie wären indoktriniert von der staatlichen Propaganda. Ich bin mir da nicht so sicher, ob ein Großteil der Chinesen kritischer mit dem umgehen, was sie lesen, als viele Europäer oder Amerikaner, die alltäglich die BreakingNews und vielen Pseudo-Skandalmeldungen ihrer “freien” Medien allzu blind vertrauen.
Man denke dabei nur an die einseitige Presse- und Nachrichtenberichterstattung in den USA vor dem Irakkrieg und wie sich dort selbst große Teile der Opposition und viele Prominente nicht mehr getraut haben, sich kritisch zu äußern. Erst nachdem erwiesen war, daß es keine Massenvernichtungswaffen gab, trauten sich viele kritische Stimmen dort wieder aufs Parkett.